Stromlos glücklich

© Schweizer Illustrierte; 23.04.2012

Die Energiefrage elektrisiert die Schweiz. Woher kommt künftig unser Strom? Conny Sonderegger lebt im Luzerner Napfgebiet (fast) ohne Elektrizität. Ein Augenschein bei Kerzenschein.

Conny Sonderegger berechnet ihren Beleuchtungsbedarf in Lux. Eine Kerze, lehrt die Physik, hat die Helligkeitsgrösse von einem Lux. So ein Kerzenstummel reicht Conny, um sich abends in ihrem Häuschen zu orientieren. Bei zwei Kerzen Beleuchtung wird der Tisch gedeckt, bei drei Lux isst sie gemütlich Znacht. Und will sie anschliessend ein Buch lesen, flackern vier Kerzen, vier volle Lux Licht – für Connys Verhältnisse der pure Lux-us.

Seit drei Jahren lebt Conny Sonderegger – 32 Jahre alt, Stadtluzernerin, von Beruf Postbotin und Behinderten-Chauffeuse – (fast) ohne Strom. «Nicht aus ideologischen Gründen», sagt sie, es habe sich einfach so ergeben. Früher lebte Conny in einer «fetten» Wohnung. Doch dann wollte sie mehr – beziehungsweise viel weniger: allein sein («das ist nicht das Gleiche wie einsam»), ein Häuschen, Natur, Grün, möglichst abgelegen – und entdeckte den Gustiberg-Weiler. Luzerner Napfgebiet, Willisauer Gemeindeboden, 1000 stotzige Meter hoch, die Nachbarhöfe liegen 30-Minuten-Fussmärsche (mit Gummistiefeln) entfernt, heissen Chrutschütti, Tschoope oder Zibershusschürli, und bei Flurnamen wie Hasematt und Haserank stromern auch Füchse herum «und rudelweise Rehe», sagt Conny. Vom WC-Fenster aus könne sie das Wild beobachten, ganz leise, von ganz nah.
Hier trägt das stille Örtchen seinen Namen eben noch zu recht.

Die stromlose Geschichte fertig lesen?
Hier gibts die ganze Reportage als PDF.

Der Titanicologe

© Schweizer Illustrierte; 02.04.2012

Am 15. April vor 100 Jahren versank die Titanic. Günter Bäbler, 39, lässt sie immer wieder auftauchen. Der Zürcher ist einer der weltbesten Titanic-Spezialisten und forscht so intensiv – er badet gar beim Wrack.

Das Schiff aller Schiffe prägt ihn mehr, als ihm lieb ist. Unter dem linken Nasenflügel, äderchenfein nur, da hat Günter Bäbler eine Narbe. Von der Titanic. Von einem Modell der Titanic, das ihm beim Umräumen auf die Nase krachte. Bäbler räumt oft um, der Mann besitzt Abertausende von Papieren, Büchern, Artefakten und Kostbarkeiten zum Thema Titanic. Vieles davon stapelt sich in seiner Wohnung in Zürich, dreieinhalb Kajüten gross, mit Balkon, im sechsten Stock. «D-Deck wär das auf der Titanic», sagt Bäbler und bittet herein (nein, er sagt nicht «an Bord», so titanisch fanatisch ist er dann doch nicht). Er müsse nur noch schnell ein Telefon erledigen, mit Tele Irgendwas, hektisch seis in diesen Tagen, viele Interviews, Zeitungen, Magazine, Radio, TV, und mit dem «National Geographic» aus den USA hat er über die exakte Opfer zahl gestritten (1496 Tote sei richtig). Alle wollen Bäbler, den Titanic-Experten. «Sie wissen schon, die 100 Jahre halt», sagt der, nimmt am Esstisch Platz (hinter ihm ein Stück Wandverkleidung aus dem Erstklass-Speisesaal des Titanic-Schwesternschiffs Britannic) und hat endlich Zeit, seine ganz persönliche Titanic-Geschichte zu erzählen. Logbuch auf, Leinen los!

Lust auf mehr Meer?
Hier gibts die ganze Geschichte als Titanic-PDF

Inferno in der Idylle

© Schweizer Illustrierte; 26.03.2012

Ein Albtraum auf der Alp. Im Schwyzer Steinerberg brennt ein Wohnhaus ab. Das Grosi und zwei Mädchen sterben, die Eltern und ein Bub sind schwer verletzt. Das ganze Dorf trauert und fühlt sich hilflos – aber hilft.

Ein himmlischer Ort. Ein himmeltrauriger Ort. Die Stimmung im Weiler Rossbüel, 1123 Meter über Meer, hoch über dem Schwyzer Dorf Steinerberg, irritiert und verstört – ist einfach falsch, so was von falsch: Viel zu prächtig die Aussicht auf Mythen, Stoos und Lauerzersee, zu übermütig das Wetter, zu bildschön der Tag; Rossbüel, dieses heile Flecklein Erde, ist derart schändlich idyllisch, dass es pietätlos wirkt und in der Seele schmerzt. Es sind hier doch Menschen gestorben, vor wenigen Tagen erst! Im ausgebrannten Holzhaus, das nun als teerschwarze Ruine dasteht, erstickten und verbrannten ein Grosi und seine zwei Enkelinnen. Die Eltern der Mädchen sind schwer verletzt, der Bruder liegt im Koma; ein Daheim ist eingeäschert, eine Familie zerstört, eine Zukunft vernichtet. Da haben verdammt noch mal Natur und Wetter nicht lieblich und wonnig zu sein, sondern düster, hässlich und tieftraurig.

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Hier gibts die ganze Reportage als PFD

Dä mit de Chüe

© LandLiebe; 15.03.2012

Beliebt bei Kindern und Touristen: Seit bald 75 Jahren fabriziert die Firma Trauffer in Hofstetten bei Brienz BE Spielwaren aus Holz.
Ihr bestes Pferd im Stall – e rot gschäggeti Chue.

Visitenkarten braucht er keine. Wenn Marc A. Trauffer eine Spielwarenmesse besucht, hat er den Hosensack voller Kühe. Munzig kleine, ausgesägelte, schmeichelfein geschliffene Holzkühe. Kommt er dann mit Geschäftsleuten und Neukunden ins Gespräch, drückt er ihnen eine seiner Hosensack-Kühe in die Hand und stellt sich dann vor: «Trauffer Holzspielwaren – i bi dä mit de Chüe.» Trauffers Holzspielwaren sind unverwechselbar, unvergänglich und drum längst Kult, beliebt in Spielwarengeschäften, Souvenirläden und Kinderzimmern. Seit 75 Jahren.
Trauffer-Kühe muhen weltweit ganz gross mit.

Lust zum Weiterlesen?
Hier gibst die gesamte Chüeli-Geschichte als PDF

Hackbraten à la SP

© Schweizer Illustrierte; 12.03.2012
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Egal, ob Familie oder SP-Parlamentarier – er bringt sie alle an einen Tisch. Der Schwyzer Nationalrat Andy Tschümperlin ist neuer Fraktionschef der SP. Der 50-Jährige über seine Talente als Politiker, Fasnächtler und Rockstar.

Die Adresse klingt wie eine Verheissung und weckt Heisshunger. Käskuchengasse 3. Und dann ist man erst noch zum Zmittag eingeladen, im grossen Haus, am grossen Esstisch bei der Grossfamilie. Das Grosi, so heisst es, koche für alle, jeden Tag, guet und gnueg, Punkt zwölf Uhr bitte. Das Haus, mitten in Schwyz, ist unmöglich zu verfehlen: ein alter Sichtziegelbau mit angebauter Schreinerei und einem Wohnform-Laden für Möbel und Innenausbau, an dem das Firmenschild «Tschümperlin» prangt.

Leider nein, dämpft Andy Tschümperlin die von der Adresse genährten Erwartungen, es gebe keinen Käskuchen. Und bittet ins Haus, sein Elternhaus, hier hat er auch sein Büro. Das Grosi, seine Mutter Anne-Marie, 75, hat heute Deftigeres auf dem Herd: Hackbraten.

Passt irgendwie ja auch besser zum Grund unseres Besuchs.

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Simon Gerbers Höllenritt

© Schweizer Illustrierte; 13.02.2012
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Es ist einer der ungewöhnlichsten Bahnunfälle. Der Zuger Bahnpöstler Simon Gerber klemmt sich an einem SBB-Gepäckwagen den Arm ein und wird mitgeschleift. Fast drei Kilometer weit, bei Tempo 90. Er überlebt schwer verletzt.

Mag er überhaupt darüber reden? Fühlt er sich stark genug, das Geschehen aufzurollen, nochmals zu berichten, was er erlebt und wie er überlebt hat? Wie er von einem Zug mitgeschleift wurde, mit Tempo 90, fast drei Kilometer weit, fast drei Minuten lang, und schliesslich liegen blieb, schwer verletzt, den rechten Fuss weggefetzt. Ob Simon Gerber wirklich von seinem Höllenritt erzählen mag?

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– 31,3°

© Schweizer Illustrierte; 06.02.2012
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Eiskalt erwischt. Wo bitte liegt BUFFALORA? Der Weiler am Ofenpass (GR) ist einer der kältesten Orte der Schweiz. Minus 31,3 Grad vergangene Woche. Einwohnerzahl: zwei! Das EHEPAAR BASS wirtet in dieser unwirtlichen Gegend.

Marcel Huwyler

Letzthin, an einem dieser besonders eisigen Tage, kam ein ganz unverfrorener Gast daher. Aus Zürich. Ass im Berggasthaus Buffalora Znacht, zahlte und wünschte guet Nacht. Jä, ob er nicht bei ihnen übernachten wolle, fragte Wirt Fredy Bass, hier am Ofenpass fände er nirgends sonst ein warmes Bett. Doch der Zürcher wollte partout draussen übernachten, er müsse trainieren, sich abhärten, dafür sei das eiskalte Buffalora perfekt. Er plane drum eine Reise zum Nordpol.

Vergangene Woche schlottert die Schweiz. Das eisige Ulrichen VS im Goms macht Schlagzeilen, der Kälte-Hotspot Samedan GR oder das sibirische La Brévine im Neuenburger Jura. «Nur wir hier werden immer vergessen», klagt Fredy Bass, dabei figuriere Buffalora auf der ewigen Kälte-Hitliste ganz weit vorne. Und letzten Samstag dann zeigt Buffalora den anderen heissen Anwärtern auf den Eisrekord die kalte Schulter: Um 7 Uhr misst Meteo Schweiz minus 31,3 Grad – und der munzige Weiler am Ofenpass wird damit zur Galions- oder wohl besser Kühlerfigur aller Frost-Orte.

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GEHT NICHT/GIBTS NICHT/Dr. Nils Jent

© Schweizer Illustrierte; 23.01.2012
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Beim Swiss Award wurde er zum VIZE-«SCHWEIZER DES JAHRES» gewählt. Nils Jent ist blind, körper- und sprechbehindert und Doktor an der Uni St. Gallen. Sein Leben meistert er mit Wille, Geist, Witz – und einem Stempel.

Marcel Huwyler

Er nennt es ganz undramatisch «meinen Seitenwechsel». Manchmal spricht er auch von «Leben 1» und «Leben 2» und schildert seine Erfahrungen «in den zwei Welten».
An der Swiss-Award-Gala vom vorletzten Samstag erringt Nils Jent den zweiten Rang bei der Wahl zum Schweizer des Jahres 2011 (hinter Didier Cuche). Und ein Millionenpublikum vor den TV-Geräten fragt sich: Wer ist dieser Mann im Rollstuhl mit den spastischen Gesten, dem starren, fliehenden Blick eines Blinden und dem verschmitzten Lachen? Dr. Nils Jent, wird dem Publikum erklärt, sei nominiert für seine Willenskraft und Rolle als Vorbild für andere, die ein ähnliches Schicksal teilen.

«Mein Leben ist nicht schlimm», sagt Nils Jent eine Woche später in seiner Wohnung in St. Gallen, «mein Leben ist sehr erfüllend.» Die irritierende, aber wohl weise Formulierung eines Mannes, der seit 32 Jahren Übermenschliches leistet – weil er anders ist. Anders sein, sagt Jent, habe etwas mit Vielfältigkeit zu tun. Der beste Beweis für seine These liefert er selber: Nils Jent, 49 Jahre alt, ist körper- und sprechbehindert, blind, Doktor der Ökonomie, Forscher und Dozent an der Universität St. Gallen.

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“ICH WÄRE GERN KÜNSTLER”

© Schweizer Illustrierte; 19.12.2011
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Und das sagt ausgerechnet er: «Im Geldausgeben bin ich armselig.» Vor drei Monaten trat Oswald Grübel als CEO der UBS zurück. «THE BANKER» über die Euro-Krise, gelbe Ferraris und überschmückte Weihnachtsbäume.

Von Nina Siegrist & Marcel Huwyler

Auf dem Briefkasten steht «O. J. Grübel». Seine schlichte Visitenkarte (sie wirkt schon fast hausbacken) verrät, dass ihm ein Finanzdienstleister ein Büro untervermietet. Vor drei Monaten trat Oswald Jürgen Grübel als CEO der UBS zurück. War aber nie wirklich weg. Er sitzt noch immer mitten im Zürcher Finanzkuchen. Der nächste Bankomat ist gleich um die Ecke, und den Paradeplatz erreicht man zu Fuss so schnell, wie man im Aktienhandel derzeit Geld verlieren kann. Oswald Grübel, 68 Jahre alt, mit dem Pass eines Deutschen und dem Bänkler-Gen eines Schweizers, steht in seinem Büro und stupst einen Golfball über den Parkettboden – einen goldfarbenen. Er weiss, dass man über dieses Fotosujet frotzeln wird. Ist ihm egal. Seine stets halb geschlossenen Augenlider und die blecherne, reizlose Stimme eines Tramdurchsagers täuschen, der Mann ist ziemlich ausgeschlafen. Ab und zu tupft er sich mit dem Taschentuch die tränenden Augen – die trockene Luft, sagt er, «nicht, dass Sie denken, ich heule». Auf seinem Schreibtisch steht eine Kaffeetasse, «Keep calm and carry on» steht drauf, «Ruhig bleiben und weitermachen». Einer wie O. J. G. macht sowieso immer weiter; ruhig hingegen – ruhig bleibt er ganz bestimmt nicht.

Herr Grübel, wie sollen wir Sie jetzt eigentlich betiteln, Financier, Bankier, Ex-UBS-Banker …
Schreiben Sie einfach Banker. Oder besser: The Banker (lacht).

Die meisten nennen Sie ohnehin einfach nur Ossi.
Ossie, nicht Ossi! Ein Ostdeutscher bin ich zwar auch. Aber das ist doch schon sehr lange her …

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BALD STALLMEISTER IN BERN?

© Schweizer Illustrierte; 12.12.2011
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Höchster Schweizer ist er ja schon. Nun soll Nationalratspräsident und Bauer Hansjörg Walter gar Bundesrat werden. Der Knall-Fall-Kandidat über seine Führungsqualitäten bei Mensch und Vieh und die Geschichte seines Schnauzes.

Er kennt das ja mittlerweile. Weiss, wie so was läuft. Schon vor drei Jahren sollte er Bundesrat werden – auch damals im allerletzten Moment. Immerhin hat Hansjörg Walter diesmal unverschämt viel Vorbereitungszeit, für seine Massstäbe geradezu verschwenderische fünfeinhalb Tage liegen zwischen Knall-Fall-Nomination und Wahltag. Beim letzten Mal, 2008 (als unfreiwilliger Sprengkandidat gegen Ueli Maurer), waren es läppische drei Stunden. Damals riefen ihn morgens um sechs in Bern Politkollegen an und warnten: «Hansjörg, du wirst heute heiss gehandelt, ist dir das bewusst?» Worauf Walter seine Frau Madeleine daheim im thurgauischen Wängi informierte, sie müsse vielleicht noch nach Bern kommen und sich mit ihm fotografieren lassen. «Zum Glück», erinnert sich Madeleine Walter, «war ich zufällig am Tag vorher beim Coiffeur.» Mit einer «schepsen » Frisur bei der Vereidigung ihres Mannes zum Bundesrat – «das hätte doch keine Gattung gemacht».

Walter wurde damals nicht gewählt, es fehlte ihm eine einzige Stimme. Enttäuscht, sagt er, sei er jeweils nur, wenn er ein von ihm gestecktes Ziel nicht erreiche. «Und Bundesrat zu werden, war 2008 nicht mein Ziel.» Diesmal schon.

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RAUCHZEICHEN AUS SOLOTHURN

© Schweizer Illustrierte, Sonderausgabe 100 Jahre SI; 05.12.2011
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Er sei «Pessimist und Glückspilz». Schriftsteller und Schweizer- Illustrierte-Kolumnist Peter Bichsel, 76, über Bundesräte, Cervelat- Promis und warum er dank seiner Nase nicht CEO der UBS wurde.

Dieses Schild da, sagt Peter Bichsel, habe er noch nie gesehen. Es müsse neu sein, wohl eben erst montiert, weisse Buchstaben auf klavierlack­schwarzem Plastik, an die Lifttür geklebt, hier oben im dritten Stock des blässlichen Altstadthauses, wo Bichsel, am Ende eines morschen Ganges, sein Büro hat, seine Schreibstube, «mein Warenlager», wie er es nennt. «Rauchen im Lift & Gang verboten», gebietet das Schild. «Jäsososoaha», raunt Bichsel durch seine Eulenschnabel­nase, also ihn könne das Verbotsschild sicher nicht meinen, «ich rauche brav nur in meinem Zimmer».
Zigaretten, Marke Parisienne Orange, sind das Metronom, das Bichsels Erzählkadenz taktet. Jede Interview-Frage kontert er erst mal mit einem langatmigen Zug an seiner Zigarette, er inhaliert, studiert, destilliert seine Gedanken, aufmüpfig lange – mindestens drei Lungenzüge lang – bevor er endlich auch Gedankenwolken ausstösst. Jede Zigarette saugt er aus bis zum Filter, Asche flockt auf den aschgrauen Teppich und auf Bichsels Lederweste, und nur einmal drückt er einen erst halb abgebrannten Stängel aus, als ihn eine Frage so brennt, dass er sofort und ungewohnt vehement antwortet (es geht um CEOs). Peter Bichsel, 76, Schriftsteller und Solothurner, verfasst seit vielen Jahren die Kolumne «Notabene» in der Schweizer Illustrierten.
Ein Interview mit dem Geschichtenerzähler – wo so viel Rauch ist, muss ganz bestimmt noch immer Feuer sein.

Peter Bichsel, warum schreibt der berühmteste Beizenhocker der Schweiz eigentlich nicht in einer Beiz?
Hier in den Solothurner Beizen kennt man mich, also würden alle schauen und sagen: «Aha, lueg, jetzt schreibt er etwas.» Nein, das geht nicht. Obwohl – der Lärm in der Beiz wäre gut zum Schreiben. Ich kann nicht schreiben, wenns ruhig ist. Ich ertrage die Stille nicht. Ich kann auch nicht schlafen, wenn es zu ruhig ist. In Hotels verlange ich immer ein lautes Zimmer zur Strasse hin. Dann sagen sie an der Rezeption: «Selbstverständlich, aber gern!» Und geben mir ein furchtbar ruhiges Zimmer, weil sie denken, ein Schriftsteller braucht viel Ruhe. Sone Blödsinn.

Warum mögen Sie die Stille nicht?
Leben ist nicht Stille, Leben, das sind Töne. Ich will ja nicht sterben im Hotel, ich will dort nur schlafen.

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BALD BUNDESRAT?

© Schweizer Illustrierte; 21.11.2011
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Wer wird Nachfolger oder Nachfolgerin von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey? Vier SP-Kandidaten – aus Freiburg, der Waadt, dem Wallis und dem Tessin – stehen bereit.

ALAIN BERSET, FREIBURG
«Politik ist wie Jazz»
Sein Auftritt – dezent, charmant, elegant, aber betont bestimmt – gleicht der perlenden Anfangssequenz eines Jazz-Pianostückes. Obwohl es rundherum rumort: Im Freiburger Café des Arcades keucht die Kaffeemaschine, das Radio plärrt, Geschirr scheppert, doch Monsieur Alain Berset steht seelenruhig an der Theke, trinkt seinen Kaffee und spricht über Musik, seine Musik – den Piano-Jazz. Dieser habe viele Gemeinsamkeiten mit der Politik: «Bei beiden Tätigkeiten muss man die Regeln kennen und einhalten, man muss improvisieren, neue Situationen blitzschnell erfassen und den Ensemblemitgliedern zuhören, auf sie eingehen – also ein guter Teamplayer sein.»

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DER BRÄTLER

© LandLiebe; 11.11.2011
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Seit 174 Jahren verkaufen die Strazzinis in Solothurn heisse Marroni. Marzio Strazzini hat verbrannte Finger, «es chalts Füdli» und Tipps für die Seele.

«Wenn ich mich am Telefon mit meinem Namen Strazzini melde, erkennt mich keiner. Also sage ich immer, ‹hier ist der Cheschtelemuni›, dann weiss jeder, wer gemeint ist. Schon mein Urgrossvater hatte diesen Übernamen: Er brätelte Kastanien – wir sagen Cheschtele – und hatte den massigen Körper und das fleischige Gesicht eines Munis. Seit 174 Jahren rösten wir Strazzinis in Solothurn Marroni – no verruggt, gell.

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DIE NEUEN

© Schweizer Illustrierte; 31.10.2011
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Sie sind neu und neugierig: Sieben FRISCH GEWÄHLTE NATIONALRÄTE über Wahlkampf-Krämpfe, bierselige Siegesfeiern und das grosse Abenteuer Bundeshaus.

CÉDRIC WERMUTH, SP AARGAU
Herr statt Rebell

Und plötzlich wird er mit «Herr Nationalrat» angesprochen. Ausgerechnet er, der aufmüpfige Ex-Juso-Präsident, der rebellische Sozi, der Che Guevara des Aargaus. Die wilde Zeit, sagt Cédric Wermuth, sei vorbei, er habe jetzt eine andere Rolle, «was nicht heisst, dass ich mich brav anpasse». Artig hat er dagegen seine restlichen Wahlkampf-Prospekte bereits gebündelt und zum Altpapier gestellt. Nur ein paar Flyer eines SP-Nationalratskollegen liegen noch in Wermuths WG-Wohnung in Baden – sie dienen als Unterlage für den wackligen Küchentisch. Cédric Wermuth, 25, Student, Kommunikator bei einem Hilfswerk, hat nie damit gerechnet, dass es für ihn «so brutal gut kommt». Noch am Abend vor der Wahl riefen ihn wildfremde Leute an und fragten, wie sie den Wahlzettel ausfüllen müssten. Am Wahlsonntag um 17.31 Uhr schreibt, nein schreit, Wermuth «JJJJJJJJAAAAAAAA!!!» auf seine Facebook-Site und lädt zum «Freibier!». Die Rechnung, stöhnt er, habe er noch nicht angeschaut. Schon als Bub schaute er sich jede Bundesratswahl am Fernsehen an, nun freut er sich riesig, selber mitentscheiden zu dürfen. Wird er sich an den «Herrn Nationalrat» gewöhnen? Dank dem Titel zweifle jetzt keiner mehr an seiner Legitimität, kontert Wermuth, «als Bundespolitiker darf ich mich nun zu wirklich allem äussern, von der Bundesratswahl bis zum Kreiselbau».

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DER CHEF VON 1414


© Schweizer Illustrierte; 10.10.2011
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Eine wahre Führungskraft. 20 Jahre war er Bergführer, heute leitet Ernst Kohler die beliebteste Firma der Schweiz, die Rega. Mit ihm und seiner Frau Ruth (und dem Rega-Gönnerausweis im Sack) auf Bergtour im Haslital.

Von Marcel Huwyler

Seinen Beruf hat er im Telefonbuch mit Bergführer angegeben. Immer noch. Obwohl er seine letzten zahlenden Gäste vor mehr als 20 Jahren auf die Gipfel führte. Heute ist Ernst Kohler Chef der Rega, der Schweizerischen Rettungsflugwacht, Vorsitzender der Geschäftsleitung, CEO, Manager – und doch im Grunde und Herzen Bergführer geblieben: Trittsicher, ausdauernd und zielstrebig führt der 48-Jährige die Rega-Seilschaft an, Wetterentwicklung und tückische Stellen im Blick, stetig vorwärts und immer aufwärts. 2,35 Millionen Menschen sind Rega-Gönner, das Unternehmen ist unter den 20 stärksten Marken (nebst Ricola, Ovo oder Google) und gemäss Umfrage das mit Abstand beliebteste Unternehmen der Schweiz. So gesehen hat der Rega-Chef den renommiertesten Job der Schweiz, oder wie Kohler selber formuliert: «einen Traumjob». Um bei so viel Lobpreis und Ehre die Bodenhaftung nicht zu verlieren, erdet sich Kohler regelmässig, «am liebsten in meiner Haslitaler Heimat», vorzugsweise beim Wandern oder Bergsteigen. Gern am Fels. So wie heute.

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TOD EINER iKONE


© Schweizer Illustrierte; 10.10.2011
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Seine Erfindungen sind revolutionär, formschön und machen uns zu glücklichen Mac- und iGeräte-Nutzern. Apple-Magier Steve Jobs ist tot. Zurück bleiben seine Familie, Millionen Apple-Verzückte – und die Geschichte eines Visionärs.

Von Marcel Huwyler

Er hat einfach nur ganz genau hingeschaut und beobachtet. Schliesslich erkannte Steve Jobs, dass die Menschen im Grunde Kinder geblieben sind – im Herzen und mit den Fingern. So wie Kleinkinder mit dem Zeigefinger auf Figuren in Bilderbüchern deuten und mit schwungvollen Patschbewegungen umblättern, tupfen wir Erwachsene mit den Fingern verzückt auf Apple-Displays, schieben lustvoll farbige Icons herum, streicheln uns durch Listen und blättern und wedeln mit Wischbewegungen durch die digitale Welt.

Steve Jobs war nett zu den Menschen. Weil seine iGeräte, seine Macs, iPhones, iPads, iPods uns nett behandeln. Weil sie unseren Sinnen schmeicheln, wir keine Gebrauchsanleitung studieren müssen, weil die Apple-Geräte einfach und sofort und logisch laufen und genau das tun, was wir wollen. Sogar böse Computerviren lassen nette Macs (meist) in Ruhe, und in vielen US-Spielfilmen – überprüfen Sies! – besitzen die Helden, die Guten einen Mac.

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DIE NETTEN BÄNKLER

© Schweizer Illustrierte; 03.10.2011
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Sorgt die UBS für milliardenschwere «Bad News», baden ihre Angestellten das aus. «Wir, die kleinen Bänkler, müssen am Schalter die Kunden beruhigen», sagt Beat Stadler von der UBS in Altdorf UR.

Von Marcel Huwyler

Der Bankenplatz Altdorf ist kreativ umkämpft. Die Credit-Suisse-Filiale punktet mit den üppigsten Geranien vor den Fenstern, die Urner Kantonalbank lockt mit dem knackigsten Werbespruch («Wo würde Tell sein Geld hinbringen?»), dafür hat die UBS einen klaren Standortvorteil. Steht sie doch neben dem Inbegriff von Courage, Standhaftigkeit und Seriosität – neben Wilhelm Tell, der da als Denkmal thront. Die UBSGeschäftsstelle hat sinnliche Nachbarn: Rechts duften die Bäckerei Ürnerbrotstubä und der Blumenladen Lunaria, links preist das Restaurant Reiser Wild-Zeit an. Ähnliches im Angebot hat derzeit auch die UBS: Wilde Zeiten für die Schweizer Grossbank. Nicht zum ersten Mal. Der 2-Milliarden-Franken-Verlust eines UBS-Händlers in London gibt zu denken und zu schimpfen. Auch in Altdorf.

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AUF PILZ-PIRSCH MIT PAUL

© LandLiebe; 01.09.2011
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Sie bereichern Speiseplan und Märchenbücher, werden in Gourmetküchen und Hexensagen verwendet. Pilze sind uns lieb und unheimlich zugleich. Unterwegs im Zofinger Wald mit Korb, Putzmesser – und Pilzliebhaber Paul Künzi.

Von Marcel Huwyler

Glückspilz! Es braucht schon etwas, bis einer wie Paul Künzi sich derart über einen «seltenen, sehr seltenen» Pilz freut. Leise natürlich, schliesslich benimmt man sich im Wald. Heimlich natürlich, schliesslich will man anderen Pilzsammlern sein Fundplätzchen nicht verraten. Darum sei es wohl auch besser, empfiehlt Paul, wenn man nur von «einem Wald in der Nähe von Zofingen» schreibt. Er zupft sich den Schnauz und sein braunes Hemd mit Fliegenpilz-Motiven zurecht. Dann sinkt er auf die Knie und huldigt seinem überaus seltenen Fund – einem Anhängsel-Röhrling. Der polsterförmige, bronzebraune Pilzhut fühlt sich filzig-ledrig an, die Hut-Unterseite leuchtet schwefelgelb. Sieht ziemlich ungesund aus, «schmeckt aber hervorragend», lehrt Paul, «ein formidabler Speisepilz». Sachte dreht er ihn aus dem Waldboden, schabt mit dem Messer Erde vom keuligen Stielende und pinselt und pustet das Goldstück sauber. Der hier wird sein Pilzragout zum Znacht veredeln.

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DIE SCHWUNGVOLLE

© LandLiebe; 01.09.2011
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Als erste Frau schwang Erna Fischbacher, 47, ihre Fahne an einem Eidgenössischen. Die mutige Frau stammt – logisch – aus Frauenfeld.

Von Marcel Huwyler

Ich muss mich oft wehren: Nein, ich heisse nicht gleich wie das Komiker-Ehepaar, das Duo Fischbach, ich heisse Fischbacher – mit er am Schluss. Aber das Wehren und Erklären bin i jo gwöhnt: Bis ich eidgenössisch anerkannte Fahnenschwingerin sein durfte, brauchte es auch einiges. Erst seit 2006 dürfen Frauen offiziell Fahnenschwingerinnen sein, vorher habe ich zwar jahrelang in meinem Verein in Weinfelden gfähnlet, aber nur als Fründ und Gönner. Da isch im Fall ke Witz!

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DIE DREI WEISSGENOSSEN

© Schweizer Illustrierte; 25.07.2011
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Für die 1.-August-Feier auf dem Rütli sind 600 Blinde und Sehbehinderte eingeladen. Das blinde, dreiköpfige OK-Team «schaut» sich vor Ort schon mal alles genau an.

Von Marcel Huwyler

Die werden Augen machen! Rita, Urs und Roland, das dreiköpfige OK-Team aus Zürich, sind sich sicher: Das wird ein grandioses Fest. Auf der Rütliwiese, der heiligsten Schweizer Kuhweide, soll der besondere Anlass stattfinden. Der Schweizerische Blindenund Sehbehindertenverband SBV wird 100 Jahre alt. Und feiert seinen Geburtstag auf dem Rütli, am 1. August. 600 Blinde und Sehbehinderte werden kommen und prosten, singen und feiern. Ein Sehen und Gesehen-Werden der anderen Art. Und damit ja nichts schiefgeht, wollen die drei vom OK-Team heute noch ein- mal alles genau vor Ort anschauen – oder abtasten.

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BÄRENSTARKER UMARMER

© Schweizer Illustrierte; 18.07.2011
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Als Plüschbär verkleidet, umarmt er im TV-Werbespot von Pro Infirmis Passanten. FABIAN BISCHOFF ist hirnverletzt. Polizist würde er gern werden oder Astronaut. «Filmstar gefällt mir auch ganz gut.»

Von Marcel Huwyler

Würden Sie? Mal ganz ehrlich: Würden Sie ihn umarmen, einfach so, wenn er auf Sie zukommt? Fabians Körper zappelt, spastische Krämpfe zucken durch seinen Arm, verkrallen die linke Hand, und mühsam nur knetet er die Worte in seinem schiefen Mund. Trotz seines wackligen Gangs rennt er am liebsten, eine faszinierende Schlurf-Hüpf-Kombination samt vielen kleinen Luftsprüngen. Würden Sie? Ihn umarmen, ohne Scheu und Widerwille?

Fabian Bischoff aus Uster ZH ist 28 Jahre alt, hirnverletzt – und die Hauptfigur im neusten TV-Spot der Behindertenorganisation Pro Infirmis. Als Plüschbär verkleidet, lässt er sich im Werbefilm von Passanten umarmen und kuschelt mit Wildfremden. Am Schluss zieht er die Bärenmaske aus, zeigt, wie er wirklich aussieht, und irritiert und beschämt damit die Passanten – und Millionen von TV-Zuschauern. «Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näherkommen?», lautet die Botschaft dieser Sensibilisierungskampagne. Der Kurzfilm berührt, wühlt auf, macht nachdenklich, und dank dem Internetportal Youtube ist der «behinderte Bär» mittlerweile weltweit ein Hit. Fabian selber sagt: «Ich bin jetzt sehr berühmt.» Und nein, er hatte keine Angst, den Bären zu spielen und wildfremde Menschen zu umarmen, «ich kann ja Judo».

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