«WIR WAREN 70 JAHRE ZUSAMMEN»

© Schweizer Illustrierte; 10.01.2011
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Emilie Lieberherr galt als Vollblutpolitikerin, Mutterfigur und Dampfwalze. Jetzt ist sie tot. Ihre Freundin Minnie Rutishauser erinnert sich an das gemeinsame Leben «mit dem radikalen Weib.

So war das nicht abgemacht, sagt Minnie Rutishauser. Eigentlich wollte sie vorausgehen, sie hatte vor, als Erste zu sterben, sie sei schliesslich die Ältere. «Und jetzt ist s Emilie einfach gegangen.» Wenn eine von uns tot ist, haben sich die beiden Damen versprochen, macht die andere kein Theater drum. Also sortiert Minnie Rutishauser, 90 Jahre alt, auch heute die Post, sorgfältig, bedächtig, so wie sie es jeden Tag macht, seit sie mit Emilie zusammenlebt.
Ein dickes Bündel Kondolenzschreiben
liegt auf dem Tisch, weisse Couverts, die Umschläge gefüttert und mit würdig-traurig schwarzem Rand umrankt. Hie und da fischt Minnie einen Brief heraus und legt ihn auf einen separaten Stapel, «die sind für s Emilie». Plötzlich schliesst sie die Augen, greift sich ins Gesicht und sinkt aufs Samtsofa. Schwindlig ist ihr, draussen beim Briefkasten rutschte sie am Morgen auf den vereisten Steinplatten aus und stiess sich den Kopf. Brauchen Sie einen Arzt, Frau Rutishauser? Sie geht nicht darauf ein. Ihr Hörgerät, sagt sie, sei übrigens kaputt.

Seit einem Jahr ging es Emilie immer schlechter, «die Nieren», sagt Minnie. Im Zürcher Pflegehaus Magnolia hat man ihre Freundin gepflegt, «sehr kompetent, sehr freundlich, Zimmer 205». Jede Woche besuchte Minnie ihre Emilie. Ein Taxi holte sie in ihrem 200-jährigen Haus in Wil ZH im Rafzerfeld ab und brachte sie in die Stadt. Auch vorletzten Sonntag. Sehr, sehr müde habe Emilie sie da angeschaut, nicht mehr gelächelt, nicht mehr gesprochen, einfach nicht mehr gemocht.

Am Montag, dem 3. Januar, gegen vier Uhr morgens, stirbt die Grande Dame der Schweizer Politik. 86 Jahre alt ist Emilie Lieberherr geworden, die Zürcher Stadträtin, erste Ständerätin der Schweiz, Verfechterin der Frauenrechte, Kämpferin für Aussenseiter und sozial Schwache, Schutzheilige der Senioren «und trotz Alter noch immer radikales Weib», wie sie sich selber gern nannte. Emilies Totenbett ist mit Rosenblütenblättern verziert, alles sehr feierlich und friedlich, beschreibt Minnie die Szenerie, «wie in einem Traum oder schönen Film».

Die 90-jährige Minnie dämmert für einen Moment weg. «Müed bini», murmelt sie, stemmt sich dann im Zeitlupentempo vom Samtsofa hoch und will ihre Katze Dodo ins Haus lassen; die sei drum wie sie, «ist alt und hat kalt».

1970 kauften Emilie und Minnie das Haus in Wil. Der ächzende Riegelbau quillt über vor Antiquitäten. Emilie liebte Flohmärkte, konnte nie widerstehen, hat immer etwas nach Hause geschleppt in ihren Landsitz, ihr Bijou, ihr Refugium. Während der Zürcher Jugendunruhen in den 80er-Jahren wird das Heim fast zerstört. Zufällig entdeckt man zwei Behälter voller Benzin, verbunden mit Drähten und einer Batterie. Nur weil alles so feucht ist, geht die Brandbombe nicht hoch. Eine wie Emilie machte sich nicht nur Freunde.

Minnie gähnt und nestelt am roten Stoffband, das um ihren Hals hängt. All ihre Schlüssel baumeln daran, «damit ich sie nicht verhühnere». Sie öffnet die Haustür, Dodo schlüpft herein, huscht in die Stube auf einen der drei Sessel. Die zwei edlen, antiken Sessel sind für die zwei Katzen, erklärt Minnie, der billige Rattanstuhl ist ihr Plätzchen. Der Fernseher läuft, eine alte Schwarz-Weiss-Komödie rieselt ohne Ton über den Bildschirm. Minnie setzt sich wieder an den Tisch, schiebt einen Stapel Visitenkärtchen («Dr. rer. pol. Emilie Lieberherr, a. Stadträtin / a. Ständerätin») zur Seite und kramt in einer Mappe mit dem Aufdruck «Ärztliche Totenbescheinigung». Dann beginnt sie zu erzählen, wie alles begann. Mit ihr und Emilie.

Vor bald 70 Jahre haben sie sich kennengelernt, in Basel, in der Schalterhalle einer Bank. Der Anfang einer grossen Freundschaft. Minnie und Emilie, zwei junge starke Frauen – zu forsch, zu eigenwillig, zu selbstsicher für die damalige Männerwelt –, merken, dass sie perfekt zusammenpassen. Und noch stärker werden, wenn sie künftig zusammenspannen. «Ich mochte Emilie», sagt Minnie, «weil sie intelligent redete und ihr alles so leichtfiel.» Die beiden wollen die Welt entdecken, bewerben sich als Missionarinnen für den Kongo, werden aber abgelehnt. Dann halt Amerika!

Minnie reist voraus, findet einen Job in New York. Emilie folgt ihr 1956. Bei ihrer Ankunft – jetzt lacht Minnie zum ersten Mal an diesem Nachmittag – laufen sie Elvis Presley über den Weg. «Schau Emilie, da steht der King, Elvis!» – «Elvis?», habe Emilie nur geschnauzt, «hab noch nie von dem gehört.»

Doch dann gehts mit ihrer Star-Kenntnis aufwärts. Schauspieler Henry Fonda verpflichtet Miss Lieberherr als Hauslehrerin, den Kindern Jane (die spätere Aerobic-Queen) und Peter («Easy Rider») bringt sie Französisch bei. Und lernt allerlei Filmstars kennen. Am liebsten erzählte Emilie von jener «wahnsinnig warmherzigen, liebenswürdigen Frau, mit der ich über Kindererziehung diskutierte – Marilyn Monroe.»

Emilie Lieberherr liess niemanden kalt. Sie regte an und regte auf. «Ich als Menü», scherzte sie mal, «wäre Spaghetti all’arrabbiata.» Andere betiteln sie als Vollblutpolitikerin, Kämpferherz, aber auch als Fregatte und Dampfwalze. Schlagfertig war die Dame, humorvoll, aber auch aufsässig, zäh und unbequem, Mutterfigur und Diva. Und Minnies Lebenspartnerin, «70 Jahre waren wir zusammen», raunt Minnie.

War wohl nicht immer einfach, Frau Rutishauser, in Emilies Schatten zu stehen? Wirkte die Dame vorhin noch müde, zerbrechlich und kränklich, schaut sie jetzt angriffig, verärgert gar und säbelt mit dem dürren Zeigefinger vor ihrer Nase herum. «Was Schatten? Was denken Sie, wer Emilie beraten hat? Mit wem Emilie ihre Politik, ihre Anliegen, Sorgen und Visionen besprochen hat?» Oh doch, auch sie, Minnie Rutishauser, habe ein Leben lang Politik gemacht. Und den Haushalt. Lieberherr hat nie verheimlicht, dass Minnie die Frau im Haus ist. Emilie konnte nur den Zmorge machen, über mehr Kochkünste verfügte sie nicht, und der von ihr gebrühte Kaffee galt als ungeniessbar.

Emilie Lieberherr wird fehlen. Emilie ist noch da, sagt Minnie Rutishauser, sie sei hier im Haus, weibelt und wirbelt wie eh und je. «Ich spüre sie doch deutlich. Für mich wird sie nie weg sein.» Aber herrje, jetzt habe sie schon viel zu viel geplappert. Emilie werde sagen: Du bist ja verrückt, Minnie, was du denen jetzt alles erzählt hast. «Ja, Emilie wird mit mir schimpfen.»

EMILIE HAT BEWEGTIHR LEBEN IN BILDERN

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