DER LETZTE STROHMANN

© LandLiebe; 15.6.2011
Diesen Artikel in Magazin-Qualität anschauen

200 Jahre lang exportierten die Hutmacher aus dem aargauischen Freiamt Millionen von  Strohhüten in die ganze Welt. Der Hägglinger Kurt Wismer ist einer der letzten «Hüetler». Und der einzige, der den legendären Röhrlihut noch knüpfen kann.

Von Marcel Huwyler

Die Welt trug früher Hut. Ein Mann ohne Kopf­bedeckung war kein Herr. Und ein Fräulein bemühte sich, schleunigst «unter die Haube» zu kommen als behütete, behutete Ehefrau. Zur Kleidung gehörte zwingend ein Hut. Und wenns besonders gesellig wurde, beim Sonntags­spaziergang, beim Tanzen, Balzen und Pick­nicken, zierte man sich mit einem speziell kecken Exemplar – dem steifen Stroh­hut. Inbegriff der ­sommerlichen Leichtigkeit des Seins.
Heute trägt nicht mal mehr der Hutmacher täglich einen. «Zu besonderen Anlässen vielleicht», sagt Kurt Wismer, «oder als Sonnenschutz beim Arbeiten im Gemüsegarten.» Trotzdem näht und knüpft er weiter seine Stroh­hüte, Freiämter Röhrlihüte, wie Hutkundige diese fachgerecht benennen. Solche handgeformten Kunstwerke zaubert heutzutage nur noch einer aus dem Hut – Wismer aus dem aargauischen Hägglingen. Besuch macht ihn eher verlegen, trotzdem darf man zuschauen, wenn er «hüetlet», einfach nicht zu sehr stören dabei. Behut-sam bitte.

2700 Knöpfe pro Hut
Die Werkstatt war früher sein ­Kinderzimmer. Kurt Wismer ist im 200-jährigen Bauernhaus aufgewachsen. Feine Risse ranken sich am grauen Hausputz hoch, die efeugrünen Fensterläden blättern, und das Sommerlicht fällt dank den alterstrüben Sprossenfenstern wie Samt ins ehemalige Buben­zimmer. «Zwei Sorten Strohhüte gibt es», erklärt Wismer, «die ­weichen genähten und die steifen geknüpften.» Nähen sei einfacher und gehe flotter voran: Er angelt nach einem gewalzten Strohgeflecht-Band, dreis­sig Meter brauchts pro Hut, und näht dieses spiralförmig zu einem Hut zusammen. Dazu ­verwendet er eine kleine, stämmige Nähmaschine Marke Grossmann-Dresdensia B, Baujahr 1900. Die «eiserne Mamsell» rattert derart energisch, dass die ganze Werkstatt zittert. Bodendielen, die niedrige, schiefe Decke und die Wände des ehemaligen Bubenzimmers vibrieren, bedrohlich wanken die Regale mit den über hundert «Holzköpfen», ­Kopfformen aus Lindenholz, von Wismer gedrechselt, die ihm als Vorlage dienen. Frauenholzkopf Grösse 55 ist Standardgrösse. In zwanzig Minuten näht der Strohmeister einen luftigen, breitkrempigen Sommerhut, dekoriert mit einem Garniturband samt Schleife aussen und einem Stoffband innen, dem «Entrée». Preis: 75 Franken.

Mit dem Knüpfböckli
Holzkopf 55 ist die einzige Frau im Hause. Kurt Wismer, sanftmütiger Junggeselle, ist 57 Jahre alt, fährt Velo, spielt Handorgel, schaut gern Royal-Hochzeiten («wegen der Hutkreationen»), trägt selber Hutgrösse 59 – und beherrscht sein Handwerk wie niemand sonst. ­Hutnäher gibts schweizweit noch ein paar, das Hutknüpfen aber, das ist allein Wismers Domäne. Also höckelt sich der Hutmacher vor sein hölzernes Knüpfböckli, biegt befeuchtete Strohhalme darum ­herum und knüpft diese zusammen. 2700 Knoten pro Röhrli­hut. Mit Röhrli meint der Freiämter die Strohhalme, meist Weizenstroh. Für ganz exklusive Modelle verwendet Wismer Roggenstroh. Auf dem nahen Lindenberg mäht er mit einer Sichel den grünen ­Roggen und hängt ihn daheim für zwei Monate zum Trocknen und Sonnenbleichen unters Vordach.

Die Kreissäge aus Stroh
Die Röhrli-Knüpfarbeit ist knifflig, Ablenkung lästig. Draussen unterm Vordach nisten Wespen, die immer mal wieder durchs offene Fenster hineinsurren. Doch Wismer weiss sich zu verteidigen: Gleich drei knallfarbige Fliegenklatschen ­stehen in seiner Werkstatt parat. Gekonnt knotet er Halm an Halm, bindet munzige Schlingen aus ­Sternlifaden, den er zuvor in eine heisse Parafin-Bienenwachs-Suppe getunkt hat. Der steife Röhrlihut, auch Kreissäge genannt, ist Wismers Klassiker. Auf Bestellung fertigt er aber auch Zylinder- und Trachtenhüte, Melonen, Tropenhelme oder Sombreros. Sogar an Baseball-
Hüetli hat er sich schon gewagt. Ein echter Wismer-Hut hält ein Leben lang. «Und ab und zu etwas Regen tut ihm ganz gut», rät der Mann, «dann werden die Röhrli nicht spröde.» Nach einem ganzen Tag Arbeit ist ein Hut vollendet, ab 240 Franken verlangt Wismer für sein kunstvolles Strohwerk.

Als Stroh reich machte
Es gab eine Zeit, da war Stroh Gold wert. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert blüht im Freiamt die Strohflecht-Industrie. In den Dörfern um Wohlen AG entstehen hundert Firmen, die 60 000 Menschen beschäftigen. Filialen in Florenz, New York, London und Paris werden eröffnet. Die ganze Welt trägt ­Freiämter Strohhüte – eine Million Stück pro Jahr werden exportiert. «Doch dann», weiss Wismer, «gings plötzlich nidsi mit der Hutmacherei.» Schuld daran: «Das Auto!» In den 1950er-Jahren, als immer mehr Leute sich ein Auto leisten, sind Hüte für Fahrer wie Passagiere nur störend. Mit Hut im VW Käfer oder im Mini – unbequem und unschick. Der Hut verliert seine Bedeutung als Bestandteil einer gepflegten ­Herrenkleidung, und die Damen tragen jetzt lieber Dauerwelle statt Hütchen. 1991, nach 204 Jahren Strohzeit, schliesst in Wohlen die letzte grosse Hutfabrik. Das Hüetle ist vorbei – nur mehr ein alter Hut.

Hutladen im Ziegenstall
Trotzdem macht der junge Kurt eine Hutmacher-Lehre in einem kleinen Hut-Unternehmen in seiner Wohngemeinde Hägglingen. Fast zwanzig Jahre fertigt Wismer dort Kopfbedeckungen aller Art. Dann merkt er, dass die alte ­Technik des Röhrlihut-Knüpfens in Liebhaberkreisen enorm gefragt ist. 1985 macht er sich selbstständig. Im ehemaligen Ziegenstall richtet er ein Lädeli ein, und sein Bubenzimmer wird flugs zur Werkstatt. Wer einen Masshut wünscht, bringt seinen Kopf am besten gleich selber vorbei. Wismer nimmt aber auch telefonische Bestellungen entgegen – mit seinem alten, grauen Wandtelefon samt Wählscheibe. Vom «Hüet­le», sagt Wismer, könne er gut leben,
er spricht von einem «anständigen Handwerker-Lohn».

Strohhüte sind wieder chic
Die Zukunft sieht nicht schlecht aus. Man hat wieder Mut zum Hut, sagt Wismer. Vor allem junge Menschen begeistern sich neuerdings für seine Hüte und finden es «trendy», einen echten Freiämter Wismer zu tragen. Das sei kein Strohfeuer, ist der Hägglinger überzeugt und trumpft auf: Er habe noch so viele Ideen für neue Stroh-Kreationen im pfiffigen Röhrli-Stil. Also wird Kurt Wismer weiter nähen und knüpfen. Der Mann – und das ist lobend gemeint – hat nur Stroh im Kopf.

Advertisements

.

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s