Schwarzer Herbst 01 – Attentat Zug

© Schweizer Illustrierte; 29.08.2011
Attentat Zug-Reportage als PDF

Von Marcel Huwyler

Ein Amokläufer erschiesst im Zuger Kantonsparlament 14 Politiker und sich selber. MORITZ SCHMID und KARL BETSCHART haben das Massaker überlebt. Und versuchen, damit zu leben.

Beide sagen, sie seien ruhiger geworden, weicher auch und – für Politiker ein seltsames Wort – väterlicher. Und beide betonen, sie könnten nicht mehr streiten. Moritz Schmid aus Walchwil ist Fraktionschef der Zuger SVP, da müsse er, sagt der 62-Jährige, schon von Amtes wegen streiten. «Es ist mir nicht immer wohl dabei.» Karl Betschart, der 65-jährige Kaufmann, ist heute Gemeinderat in Baar und überzeugt, dass er seit dem Attentat am 27. September 2001 sachlicher politisiere «und weniger auf den Mann ziele». Man zuckt zusammen. Er sagt «zielen». Hat es allem Anschein nach aber nicht gemerkt. «Zielen.» Politikerjargon halt, im Kanton Zug jedoch ein schwer beladenes Wort, erst recht für ihn, für Betschart, der damals als einer der letzten den Ratssaal verliess, über Patronenhülsen, Verletzte und Tote steigen musste, um ins Freie zu gelangen. Und dort auf seinen Parteikollegen Moritz Schmid stiess, der die blutende, Fünfliber-grosse Schusswunde an seiner linken Hand zu versorgen versuchte. In diesen Moment macht ein Fotograf ein Bild, welches wie kein anderes die ganze wahnsinnige Situation erfasst – und später Pressebild des Jahres wird.

Auch zehn Jahre nach dem A ttentat geistert Amokläufer Friedrich Leibacher durch die Seelen der Menschen. Und durch ihren Schlaf. Letzthin hat Moritz Schmid von ihm geträumt, auf seinem Lieblingsweglein wanderte er dem Rigi-Ostfuss entlang, da trat der Mörder ihm entgegen, mit einer Waffe in der Hand. «Ich will von dem Typ nichts mehr hören und wissen», sagt Schmid mit viel Wut in der Stimme, er starrt auf den Zugersee hinaus und knetet den vernarbten Rücken seiner täglich schmerzenden, unbrauchbar gewordenen linken Hand. Zehn Jahre sind seit dem Attentat vergangen, und eigentlich mag Moritz Schmid nicht mehr darüber reden. Andere reden umso mehr darüber, sagt er, andere, jüngere Politiker, die gar nicht dabei waren damals, aber heute so tun, wie wenn sie alles mit- erlebt hätten. Das widert ihn an. Die ersten zwei Jahre hat er noch Zeitungsartikel gesammelt, Untersuchungs berichte geordnet, seinen Aktenkoffer mit den Schussspuren gezeigt, dann packte er alles auf den Estrich, und heute sagt er, werfe vielleicht er den «ganzen Plunder» einfach weg. Oder doch aufbewahren? Um seinem Enkel dann mal alles zu zeigen und zu erklären? Sein Enkel, das Büblein … zum ersten Mal an diesem schönen warmen Nachmittag lächelt Moritz Schmid.

Karl Betschart bewältigt das Attentat mithilfe von vier schwarzen Bundesordnern, gefüllt mit Briefen von lieben Menschen und Zeitungsartikeln über den Amoklauf. Archiviert sind auch die Bilder jenes Eishockeyspiels von 2004 in Zug, als ein gegnerischer Fan mit dem Transparent «Danke Leibacher» schockierte. Betschart blättert auch immer wieder im «Untersuchungsrichterlichen Schlussbericht», 29 Seiten dick, gegen «Leibacher Friedrich Heinz, geb. 21. 07. 1944 in Zug». Beschart sagt, ihm helfe es bei der Verarbeitung, wenn er möglichst viele Details kenne. Etwa, dass Leibachers Amoklauf 154 Sekunden dauerte, er 91 Schüsse abfeuerte, sich um 10 Uhr 34 und 58 Sekunden selber in den Kopf schoss. Und dass er einen Zettel auf sich trug mit der Anweisung: «Mediziner: Ich, Friedrich Leibacher, AHV-Nr. 590.44.321, erkläre: Im Falle einer Verletzung will ich keine medizinische Hilfe, werde keine bezahlen und habe keine Versicherung. Im Todesfall lehne ich jede Sektion od. Organentnahme inkl. Blut strikte ab. Ich stehe keiner Anstalt als Schauobjekt zur Verfügung.»

Betschart hat nie mehr ein Schützenfest besucht, Türen im Rücken erträgt er nicht, genauso wenig Krimis im Fernsehen. Er ist besinnlicher geworden, fährt mit seiner Frau oft mit der Bahn, da könne man in die Natur schauen und nachdenken. Und ewig wird ihn die Frage plagen: Warum legte sich ein Ratskollege beim Attentat neben mich, deckte meinen Körper ab und wurde – an meiner Stelle – erschossen?

Betschart ist nicht das einzige unverletzte Opfer, das Narben davonträgt. Und anfällig ist für Retraumatisierungen. Ein Ratskollege trat aus der Politik zurück, nachdem er Jugendliche mit einer Waffe verfolgt hatte, weil diese sein Haus mit Schneebällen beworfen hatten. Geprägt vom Attentat wollte er sich wohl nicht noch einmal so wehrlos fühlen wie damals im Ratssaal.

Im Februar 2002 wurde Friedrich Leibachers Asche nahe Portugal in den Atlantik gestreut. Karl Betschart sagt, er könne Leibacher «niemals» verzeihen, Moritz Schmid sagt, er weine jetzt viel schneller und öfter und noch heute habe er «den Geruch von Pulverdampf und Blut in der Nase».

Die Mutter des Zuger Attentäters, Martha Leibacher, schickt den Angehörigen später einen Brief. Man habe ihr gesagt, schreibt sie, als 85-jährige Mutter sei sie nicht mehr verantwortlich für ihren bald 60-jährigen Sohn. «Trotzdem war Fritz mein Kind, und das Leben jeder Mutter ist mit dem Leben des Kindes eng verbunden. Deshalb trägt mein Herz mit an der grossen Schuld, die er auf sich geladen hat.»

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